So schlafen wir in Zukunft

Entweder schlafen wir zu wenig oder zu viel.

Wer einen wahrhaft erholsamen Schlaf pflegt, kann sich glücklich schätzen, zählt aber wahrscheinlich leider zu einer Minderheit. Angemessen zu schlafen und erholt zu erwachen, das ist für uns nicht nur eine wichtige Herausforderung in der Zukunft, das ist schon jetzt das Gebot der Stunde für eine gesünderes Leben. Denn Schlafmangel macht auf Dauer krank und beeinflusst das ganze Leben. Ganz zu schweigen von den negativen Auswirkungen handfester Schlafstörungen. Aber wie bekommen wir dieses Problem in Zukunft in den Griff? Was muss in Zukunft getan werden, um ungünstige Schlafgewohnheiten, Schlafstörungen und mangelhafte Schlafumgebungen zu minimieren?

Wenn es nach dem US-amerikanischen „Futuristen“ und Blogger Dominic Basulto geht, steht es um unseren Schlaf in Zukunft bestens. Maßgeblich verantwortlich für diese rosigen Schlummerstunden werden Innovationen aus Wissenschaft und Technik sein, wie er in der Washington Post schrieb:

„Dank der bemerkenswerten Fortschritte in der Genetik, Neurowissenschaft und Pharmazie, die in der kommenden Zeit gemacht werden, können unsere Vorstellungen davon, wie wir in Zukunft schlafen werden, gar nicht ausgeflippt genug sein.“ [übersetzt]

Dieses Ré­su­mé zeigt: Basulto sieht den Schlaf ziemlich optimistisch, ja stellenweise sogar blauäugig. Insbesondere im Hinblick auf angeblich pharma-induzierte Schlafoptimierung, beispielsweise mithilfe von Modafinil, bei dem er sich dazu versteigt, es könne Narkolepsie „heilen“. Ganz und gar nicht, wie zahlreiche Leser, darunter viele bekennende Betroffene, in den Kommentaren größtenteils empört erwidern.

Komplexes Schlafmanagement

Überhaupt: Die Zukunft bringt uns den optimierten, datenvernetzten, individuell maßgeschneiderten Schlaf. Den Anfang dahin macht bereits jetzt das Sleep-Tracking, in Zukunft wird diese Technik dann ins Bett und in den Pajama integriert, sodass wir zur richtigen Zeit und richtigen Körperverfassung uns in die optimale Horizontale begeben können. Angepasste Matratzenzonen, Weckfunktionen und Lichtsteuerung inklusive. Und die Datenschnittstelle zum Arzt ist auch dabei. Der Schlaf der Zukunft wird der Betten- und Matratzenindustrie eine neues, komplexes Produktsegment eröffnen, nämlich das des datenbasierten Schlafmanagements, wodurch der Schlaf als Erlebnis vermarktet werden kann.

Gezieltes Träumen

Apropos Schlaferlebnis: Träumen wird zur einem festen Bestandteil der Freizeitbeschäftigung, allerdings nicht das herkömmliche Träumen, sondern das gezielte und luzide Träumen: Träumen mit dem klaren Bewusstsein zu wissen, dass man träumt. Und der Möglichkeit, in einem luziden Traum autonom das zu tun, wozu man Lust und Laune hat. Wie solche „Wachträume“ funktionieren, kannst du schon jetzt lernen, am besten in Berlin bei Alice Grinda im Wachtraumland. Hier ein kleiner Crashkurs:

„Nap-Pods“

Um deinen erholsamen Schlaf kümmert sich in Zukunft eine ganze Branche. In „Nap-Pods“ machst du stärkende Powernaps und kannst nebenbei sogar noch aufregende Wachträume erleben. „Inception“ lasse grüßen, so Basulto. Ob du danach noch einen stärkenden Coffee-To-Go brauchst, ist fraglich.

Science Fiction?

Inception, Sleep-Business… was kann da noch kommen? Richtig, die Wissenschaft. Laut Basulto haben manche Wissenschaftler nämlich die Vorstellung, unsere Gene so zu manipulieren, dass wir weniger Schlaf brauchen. Insbesondere das Militär sei an solchen Experimenten sehr interessiert, aus verständlichen Gründen. Zudem gebe es u.a. seitens der NASA den Traum, den Menschen fit für Überwinterungen zu machen, sei es, um die sagenhafte Marsmission zu bewerkstelligen oder um einen dritten Weltkrieg im schützenden Bunker wegzudämmern. Wie auch immer, es ist erschreckend, wie wenig kritisch Basulto diese Szenarien bewertet.

Besinnung statt High-Tech

Darauf zu hoffen, dass Wissenschaft, Technik und Industrie unseren Schlaf optimieren ist allzu naiv. Wie der Kulturtheoretiker Jonathan Crary jüngst dargelegt hat, ist der Schlaf die nahezu einzig verbliebene Freizeit in unserem Leben, die noch nicht vom Markt kapitalisiert wurde, da wir in dieser Zeit eben untätig sind. Greifen allerdings Industrien des Schlafmanagements und der Schlafoptimierung um sich, wird auch damit Schluss sein. Die gesundheitlichen Folgen sind unabsehbar, liegen die Gründe, warum wir eigentlich schlafen doch noch weitestgehend im Dunkeln.

Was wir allerdings wissen ist, dass wir schlafen müssen. Und jene Umstände, die uns einen erholsamen Schlaf ermöglichen, können wir schon jetzt herbeiführen. Schlagwörter à la „Work-Life-Balance“ sind zu Recht hohl geworden, im Kern berühren ihre Ideen aber den wunden Punkt: Übermächtig bestimmen Erwerbsarbeit und Konsumwelt unser Leben und unseren Schlaf; diese Hierarchie wieder auf gesunde Füße zu stellen, mit dem Blick aufs Wesentliche und Wichtige im Leben, kann uns auch in Zukunft einen wahrhaft erholsamen Schlaf bescheren.

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